DIE BÄUME DES FRIEDHOFS


Einer meiner Freunde spaziert gern auf Friedhöfen; am liebsten im Frühling, nach
       einem Regen,
wenn Erde nach Erde riecht, Blätter triefen und Magnolienschnee die Wege
       überweht.
Die Zeit vergehe hier anders, mal schneller, mal träger,
                                und die stillste Gesellschaft seien ihm die Toten —
Fideikomissbesitzer, Probst, Industrieller, Musikdirector, Capellmeister, Sanitätsrat,
die Unglücksopfer, für die Ewigkeit vereint im selben Sterbetag,
alle Namen, verwittert, ausgewaschen, übermoost, liegen zwischen den Bäumen.
Den Nordostwind lieben die Bäume am meisten, sie werden durch sein Wehen dichter, stattlicher,
         im Holz fester,
                                      schreibt C. Plinius Secundus in seiner Naturkunde,
Salweide, von starker Nervatur, Graupappel, filzig behaart, die fingernden Robinien,
Eberesche, mannbar mit Zwanzig, Roßkastanie, stets drehwüchsig, die Schwarzerle,
       ihre baumelnden Zäpfchen,
die Birke, Hüterin der Pforte, die Linde, in die sich Philyra aus Scham verwandeln
       ließ,
                                diese Baumgeborenen auf dem sterbenden Friedhof —
Unter Gebüschen, im Gras verlieren sich die Grabplatten, schütteln ihre Identität ab,
ein paar drängen sich zusammen, verängstigte Tiere im Regen, unter den
      aufgespannten Schirmen der Bäume,
Straßen oder Gleise in der Nähe, die Verbindung darf nicht abreißen,
Steine des Anstoßes für die hakenschlagende Rotte,
                                           der Kritzel und Schmier, ihren Ideen ähnlich —
Wer über Friedhöfe spaziert, liebt die Rinden, Borken allesamt, feinrissig, schuppig,
       schmaler Splint, breiter Splint,
schnürig oder unschnürig.



EIN BISSCHEN WIE SHIBUI


... überland, stadteinwärts,
siehst du die Einsprengsel, Alten-Teile, wie Gäste,
die noch kurz auf der Türschwelle zögern,
zurückblicken, ohne Winken,

eine Giebelfront aus Holzbohlen, ausgegraut, krumm-
gesägt, voller Löcher, Schrunden, Astaugen,
die die Schindeln beobachten,
das Fresko lehnender Zweige einer Buche

davor, verquer
in der Zeit,
ihre Empfindungspartikel ausduftend,

und über einem in die Mauerritze verirrten Labkraut,
zwischen Geräten und Gerümpel,
abgestellt von wer-weiß-wem im Ruhestand,

die angeregte Bienenkonferenz ...


(für Klaus Anders)




INDUSTRIAL MAGIC (& LIGHT)


Die Fahrpläne geändert, die Züge um-
geleitet auf Nebenstrecken,
   puckernde Fahrt im Schrittempo,

die Augen lechzen
       Feld-, Holz-, Hundeauslauf-
   wege entlang, Mauern an

unbefahrenen Straßen, witterungsmürb,
nicht ersichtlich, was sie begrenzten,

Schornsteine ragen aus dem Wald,
monströse schlanke Zigarren,

Krähen fallen ein in einen Trupp
Mistelbäume („Tupfenbäume“),

überall die verschwindensstaubigen
Areale — ihr Industriealzheimer —

Schotterhalden, Ödflächen, die Pflanzen-
       durchbrüche, Viaduktbögen ins
   Nirgends, ein menschenleerer

Bahnhof, vivisektierte Hallen,
close-ups von Gerüsten, Gestängen,
   aufmüpfigen Mauersprüchen,

Schlamm- & Schlickspuren, (wie Ur-,)

in jedem Klumpen, in jeder Lache
ist alles, Weltstadt und Wunder,

bei jedem Augenauf-
schlag ein neues Bild im Speicher.

   Wer unterscheidet Untergänge,
Übergänge? Aber mit Weh-
mut. Herrliches Unvollkommenes!


(für Jan Kuhlbrodt)




Three Poems by Jürgen Brôcan

JÜRGEN BRÔCAN, born in 1965, studied German Studies and European Ethnology in Göttingen and lives currently in Dortmund as a freelance poet, literary critic, and translator from English and French. He is the author of five books of poems and has almost finished a new one.