AUF GEBEINE GEBAUT

Als der Gefreite
Das Novemberland über
Bayern betrat
Da hockten in endlosen Kratern
Die Lagerfürsten des
Neuen Reiches.
Sie gierten nach der Gnade
Über Baracken zu herrschen
Den Satan auf Lagertürmen
Tanzen zu sehen.
Ein Hühnerzüchter verließ
Seine Legebatterien
Denn er hatte Besseres vor
In den Fabriken des Todes.

Ach, alles ist schön.
Habt Ihr den Eisbogen gesehen?
Gesehen wie
Spucke im Bogen gefriert?
Gefrorene Scheiße
Flink die After pfropft?
Und Blutkrusten
Würzen die Suppen uns heut?

Freunde,
Wohlig auf Gebeine gebettet
Sprechen wir das Auschwitzgebet:
Herr
Wir wissen
Wir sind des Todes
Nackt im Draht
Hauchen die Engel
Das Geheimnis des Lebens
Stirb du heute
Dann sterbe ich erst morgen!


Reinhard Bitter




DER LIEBER JUNGER TRAUM

Der Liebe junger Traum
Wirft Licht in den
Schatten meiner Tage
Der Liebe junger Traum
Weidet in der Bucht
Deines Schoßes

Über den Steg der Nacht
Ranken die Zweige
Der Erinnerung
Schmecke ich Vanille
Aus der Leuchtspur
Deines Körpers

Dein gieriger Mund zerbricht
Die Gitter der Angst
Aus der Unendlichkeit
Dröhnen blinde Lider

Sie weinen um den
Engel in Blut und Tränen
Dein Glaube
Schweigt dunkle Worte
Dämmerung und Trost

Der Liebe junger Traum
Wirft Licht in den
Schatten meiner Tage:
Der Liebe junger Traum


Reinhard Bitter




AMBAHLA

Ein Sari kränzt
Das Haupt der Hijra
Ihr Lächeln verschnitt
Einst blutender Stahl.
Eitrige Matronen kastrierten
Gierig Schwanz und Hoden
Und feierten
Die grausige Walstatt
In heiliger Ekstase.
Und Du
Ambahla?
Mein Schreien, Bruder, schlachtete das Licht!

Der ewige Schnitt wird
Dir Schicksal sein
Still wirst Du verrecken in
Den grünen Wassern Bombays.
Aids wird Dich fressen und
Fressen werden Dich hungernde Freier
Dir den Körper zernagen
Schwarze Knochen belecken.
Und Du
Ambahla?
Meine Brüste, Bruder, sind meine Sonnen!

Narbige Scham schmückt
Das Stöhnen Deiner
todwunden Meister.
Die roten Lampen von
Kamathipuro
Sie tanzen Dein Leben
Wärmen Einsamkeit
Ratten
Dich.
Und Du
Ambahla?
Meine Vagina, Bruder, ist kalt und vernäht!

Wer atmet Trost?
Wer ist Dein Glaube?
Wer Deine Hoffnung?
Wer Deine Liebe?

Die Liebe ist jenseits Bombays
Die Liebe lebt
Im Schoße der Guru
Dort wo Du weinst
Wo Du nach langer Reise
Um Vermählung flehst
Wartest auf Deinen Helden
Im Dorfe Koovagam.

Dort liebst Du
Wirst Du eins mit Gott:
Krishna ist Deine Liebe
Ist Deine Hoffnung
Ist Dein Glaube.
Und Du
Ambahla?
Ich liebe, Bruder, liebe und leide voller Lust!

Hijra
Orgasmen brennen Fleisch zu Asche
Du läßt Dich besteigen
Deinen Gott zu ehren
Berauscht vom Fest der Zehntausend.
Herrin im Dunkel
Im Frühlicht stirbt
Aravan
Dein Gottgemahl
Für Dich und alle Eunuchen.

Du wirst im weißen Sari tanzen
Du wirst Witwe sein
Witwe - Ambahla!

Und: Witwe:
Kehrst Du dann heim
In die Schlünde Bombays
Saft zu säen
Aus salzigem Geschlecht
So frage Dich
Ambahla
Wie soll Aravan eine Hure lieben?


Reinhard Bitter
TAR
REINHARD BITTER, born in 1967, lives in Mönchengladbach and works in Cologne. Since studying German and History in Cologne and San Francisco, the passionate amateur archaeologist has been working for RTL Television (Germany) since 1995. At sixteen he began to write poetry, but kept his work to himself.  It wasn't until June of 2000 that the author of the homepage www.lyrisches.de decided  to present his work in a public forum. This is Reinhard Bitter's first appearance in The Adirondack Review.